Thomas Mang: Jahrespressegespräch 2015

04.03.2015 – Rede des Präsidenten des Sparkassenverbandes Niedersachsen Thomas Mang anlässlich des Jahrespressegesprächs am 04.03.2015 in Hannover

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Meine sehr geehrten Damen, meine sehr geehrten Herren,

auch im Namen meines Kollegen, Günter Distelrath, und von mir ein herzliches Willkommen zum Jahrespressegespräch des Sparkassenverbandes Niedersachsen.

Für einen Vertreter der Kreditwirtschaft im Allgemeinen und der Sparkassen-Finanzgruppe im Besonderen gibt es eine Vielzahl von Themen zu denen wir eine Meinung haben und uns äußern wollen oder müssen. Ich bin bekannt dafür, dass ich aus meinem Herzen keine Mördergrube mache, wenn es um wichtige Themen für Sparkassen geht. Gleichwohl möchte ich mich heute auf drei Aspekte konzentrieren:

1. Europa und Regulierung
2. Sparkassen: Ergebnisse 2014 und Ausblick 2015
3. Wohin geht die Reise für die Sparkassen?

Blicken wir also zunächst nach Europa. Dabei stellen wir fest: die unruhigen Zeiten dauern an. Für reichlich und intensiven Diskussionsstoff sorgt derzeit vor allem Griechenland. Europa kommt hier in eine schwierige Entscheidungssituation, inwieweit Zugeständnisse bei einem Land einen Flächenbrand in anderen Ländern auslösen können.

Und schon am 22. Januar 2015 hat die EZB ihren vielleicht letzten Trumpf ausgespielt und bekannt gegeben, von März 2015 bis September 2016 monatlich Anleihen im Volumen von 60 Mrd. Euro anzukaufen. Dabei hat sich die Strategie, mit billigstem Geld Zeit für Reformen zu kaufen, längst als Rohrkrepierer erwiesen. Auf eine schnelle Zinswende können wir nicht hoffen. Umso bedeutender ist es, strukturelle Reformen in Europa zu verlangen. Denn, was die EZB hier anstellt, ist ein Husarenritt. Nach wie vor sind wir der Auffassung, dass die Erfolgsaussichten des Programms keineswegs rosig sind. Der Preis, der dafür gezahlt werden muss, ist entschieden zu hoch.

Klar ist, dass es viele durchaus anerkannte Volkswirte gibt, die das aus ihrem abstrakt theoretischen Gedankengerüst anders beurteilen. Aber im Gegensatz zu ihnen spüren wir bereits jetzt und ganz unmittelbar die Auswirkungen auf unsere Sparkassen und ihr Geschäftsmodell, vor allem aber auf unsere Kunden.

Die Kollateralschäden bei mittelständischen Unternehmen, Lebensversicherern, Bausparkassen und allen Altersvorsorgeeinrichtungen sowie Sparern sind gigantisch. Auf der anderen Seite sehen staatliche Einrichtungen das Modell der finanziellen Repression offensichtlich sehr pragmatisch und kassieren die Vorteile ein.

Meine Damen und Herren,

noch problematischer ist das von EU-Kommission und EZB verfolgte Ziel einer Kapitalmarktunion. Und wie immer, wenn solche auf den ersten Blick positive Begrifflichkeiten daherkommen, stellen wir uns die Frage, was sich eigentlich dahinter verbirgt. Gut gemeint ist hier nicht immer gut gemacht. Gleichwohl können wir dem Grundgedanken, die Kapitalmärkte vernünftig und mit Augenmaß zu regulieren sowie europaweit zu harmonisieren, natürlich beipflichten. Die eigentliche Zielsetzung aber, die in Kontinentaleuropa verbreitete Bankenfinanzierung durch den Kapitalmarkt ganz oder teilweise zu ersetzen, halten wir für verfehlt und vor allem für extrem gefährlich für unsere mittelständischen Kunden.

Siebzig Jahre Erfolgsmodell soziale Marktwirtschaft in Deutschland mit den entsprechenden strukturellen Vorteilen sprechen aus unserer Sicht eine eindeutige Sprache. Wir haben den Eindruck, dass durch die Niedrigzinspolitik sowie die undifferenzierte Regulierung Strukturen gezielt beeinflusst werden sollen, was im Ergebnis für den Mittelstand brandgefährlich ist. Wir hatten auch in den letzten Jahren seit 2008 immer wieder darauf hingewiesen, dass vor allem mit der Zerstörung der langfristigen Finanzierungskultur die Mittelstandsfinanzierung beschädigt wird.

Meine Damen und Herren,

Regulierung sollte eigentlich dafür da sein, den Finanzsektor sicherer zu machen. Wir haben mittlerweile leider manchmal den Eindruck, dass Regulierung zwischenzeitlich zum höchsten Risiko für Sparkassen mutiert ist. Denn, was das regulatorische Umfeld angeht, so befinden wir uns nach wie vor im Würgegriff der Maßnahmen. Die Schlinge aus aufsichtlichen und verbraucherschutzrechtlichen Vorgaben legt sich immer enger um den Hals. Wir müssen aufpassen, dass das regulatorische Umfeld nicht zum Totengräber der mittelständischen Kreditwirtschaft wird.

Mittlerweile ziehen EZB, EBA und ESMA die Regulatorik komplett an sich und beschneiden die deutschen Behörden in ihren Ermessensspielräumen immer stärker. So gelangen auch regionale und damit mittelständische Kreditinstitute unmittelbar in das Räderwerk der europäischen Regulierung. Zunächst waren wir hoffnungsvoll, dass sich die Einsicht durchsetzen wird, Anforderungen erst einmal umzusetzen bevor weitere kommen. Aber wie im richtigen Leben, kommt jeden dritten Tag eine regulatorische Innovation. Bewährte Prinzipien wie Proportionalität und Subsidiarität gehen dabei unter.

Das hat Folgen: Die Aufsicht durch die EZB wird immer stärker quantitativ – also schablonenartig – geprägt sein. Es gibt keinen Raum mehr für individuelle, sich über Jahrzehnte entwickelte und bewährte Strukturen. Die Kreditinstitute müssen mit stärkeren Einschränkungen rechnen. Sekundär wird es auch Auswirkungen auf die Rechnungslegung geben; Unsere Rechnungslegung nach dem HGB mit dem Prinzip des vorsichtigen Kaufmanns gerät in Gefahr. Die internationalen Rechnungslegungsstandards sind aus unserer Sicht für mittelständische Strukturen unsinnig, aufwendig und unbrauchbar.

Darüber hinaus will der EU-Finanzmarktkommissar Jonathan Hill einen „dritten“ europäischen Standard, speziell für mittelständische Unternehmen vorschreiben. Zusätzlich gibt es noch eine Fülle von Einzelproblemen in den neuen Vorschriften, Richtlinien und Gesetzen mit zum Teil erheblichen Auswirkungen. Mit den Stichworten Zinsänderungsrisiko und Eigenkapitalanrechnung von Immobilienkrediten sind erhebliche Risiken für unsere aufsichtlichen Eigenmittel verbunden. Wir versuchen weiterhin mit Hochdruck, eine Altbestandsregelung zu erreichen. Wir wissen auch, dass die Möglichkeiten zur Gewinnthesaurierung bei schrumpfenden Erträgen und immer höheren Abflüssen in europäische Töpfe abnehmen. Das engt unsere Geschäftsmöglichkeiten erheblich ein. Damit ist klar, dass der Fokus bei den Sparkassen auf der Eigenkapitalausstattung liegen muss.

Verschärft wird die Eigenkapitalsituation allerdings durch steigende Kosten, die auch durch schärfere Regulierungsmaßnahmen verursacht werden. Einige Beispiele gefällig?

- Basel III mit allen Nebenwirkungen
- Qualitative Eigenkapitalanforderungen aus CRR
- Unterlegung Zins- und Spreadrisiken mit Eigenkapital
- Sanierungs- und Abwicklungsgesetz

Vor dem Hintergrund der großen Fülle umfangreicher Regulierungsmaßnahmen wird die Sparkassen-Finanzgruppe daher eine zentrale Einheit für regulatorische Themen einrichten. Sie soll den Sparkassen eine bessere Erfüllung und Umsetzung der aufsichtlichen Anforderungen ermöglichen. Sparkassen schaffen das, wenn auch mit höchster Anstrengung. Wir wollen aber auch unsere Kunden durch den Regulierungsdschungel mitnehmen. Ob uns das gelingt, scheint immer fraglicher. Bisher hatten wir das Zinsänderungsrisiko für unsere Kunden stets abgefangen.

Mittlerweile greift die Regulatorik in die sogenannte Fristentransformation – „aus kurz mach lang“ – ein, so dass uns das in Zukunft wahrscheinlich kaum noch möglich sein wird. Wenn man dann alles Revue passieren lässt, haben wir Sorge, dass Regulierungen den etablierten Kreditinstituten ihr Geschäftsmodell kaputt machen. Geheilt werden soll das dann mit einer Kapitalmarktunion. Insofern warnen wir davor, dass Regulierungsmaßnahmen dauerhaftes Wachstum sowie damit verbundene langfristig orientierte Investitionen hemmen können. Das kann doch niemand ernsthaft wollen.

Meine Damen und Herren,

die aufsichtlichen Anforderungen werden zusehends flankiert von einer Rechtsprechung des BGH, der den vermeintlichen Verbraucherschutz höher bewertet als das uralte Prinzip der Vertragstreue. Anders kann man sich die jüngsten Urteile des BGH jedenfalls nicht erklären. Im Ergebnis ermuntern Anwälte und Verbraucherschützer dazu, bestehende Vertragsverhältnisse, die seit Jahren einwandfrei laufen, aus rein finanziellen Motiven einseitig aufzukündigen. Das verstehen wir nicht unter Vertrauen und regelkonformem Umgang miteinander.

Meine Damen und Herren,

trotz strenger und vereinheitlichender Regulierung der Finanzmärkte und in Zeiten niedrigster Zinsen ist es den Sparkassen 2014 in Niedersachsen gelungen, unterm Strich ordentliche Ergebnisse zu erzielen. Somit bin ich auch schon beim zweiten Teil meiner Ausführungen. Wie ist das Geschäft der Sparkassen in 2014 gelaufen und was erwarten wir vom laufenden Jahr?

Das Kreditgeschäft mit mittelständischen Unternehmen befindet sich weiterhin auf einem soliden Wachstumskurs. Auch wenn die Sparkassen im Kreditneugeschäft sowohl mit Unternehmen als auch mit Privatkunden leichte Bremsspuren verzeichneten. Das ist eine Konsolidierung, die wir erwartet hatten. Unsere Bestandsgrößen hingegen legten insgesamt zu.

Der Bestand von Krediten an Unternehmen wuchs im vergangenen Jahr um rund 450 Mio. Euro (+1,3 Prozent) auf 35,7 Mrd. Euro, ohne allerdings an die hohen Zuwachsraten der Vorjahre anknüpfen zu können. Der Bestand von Krediten an Privatpersonen stieg im Berichtsjahr um rund 450 Mio. Euro (+1,4 Prozent) auf 32,7 Mrd. Euro. Die Wohnungsbaukredite legten im Bestand nochmals um 670 Mio. Euro auf 28,5 Mrd. Euro zu.

Trotz Minizinsen – man könnte sogar sagen „ohne Zinsen“ – stiegen die Einlagen bei den Sparkassen in Niedersachsen um 1,5 Mrd. Euro oder plus 2,2 Prozent auf 70,4 Mrd. Euro. In der Gunst der Anleger lagen die Sichteinlagen mit anhaltend hohen Zuwächsen (+9,0 Prozent auf 38,5 Mrd. Euro) vorn. Das ist auch nicht verwunderlich, da die Kunden in diesen Zeiten hochliquide Anlageformen präferieren und damit so viel Geld wie nie bei den Sparkassen parken.

Wir stellen fest: Nach wie vor ist den Kunden Sicherheit wichtiger als der Zinssatz. Das ist ein Beweis dafür, dass Sparkassen immer noch ein hohes Vertrauen bei ihren Kunden genießen. Deshalb können wir uns Minuszinsen im Privatkundenbereich bei unserer Stammkundschaft auch nicht vorstellen.

Im Wertpapiergeschäft verzeichneten die Sparkassen trotz leicht rückläufiger Umsätze erstmals seit fünf Jahren wieder einen positiven Nettoabsatz. Ein gutes Zeichen, denn das Wertpapiergeschäft gewinnt zusehends wieder an Bedeutung. Klar ist auch, dass die Kunden verstärkt umdenken müssten in Richtung Wertpapieranlagen. Auch hier wäre ein gesundes Maß an Regulierung erforderlich, um dieses Geschäft nicht zu torpedieren. Lassen Sie mich anfügen, dass mit Blick auf unsere Kundenstruktur die Honorarberatung von großen Teilen unserer Kunden weder gewünscht noch sinnvoll ist.

Insgesamt nahm die private Geldvermögensbildung unserer Kunden um 1,5 Mrd. Euro zu. Das Ganze schlägt sich auf der betriebswirtschaftlichen Seite wie folgt nieder: Trotz anhaltender Niedrigzinsphase schwächt sich das Betriebsergebnis vor Bewertung gegenüber dem Vorjahr wie erwartet nur leicht auf rund 910 Mio. Euro ab. Wir versehen das mit dem Testat: Auf zufriedenstellendem Niveau gehalten.

Sowohl der Zinsüberschuss (+17 Mio. Euro) als auch der Provisionsüberschuss (+15 Mio. Euro) steigen leicht an. Wir stellen dabei fest, dass unser Beratungskonzept immer stärker greift und die Zusammenarbeit mit Verbundpartnern sich so intensiv darstellt, dass sich Erfolge auch einstellen.

Insbesondere verzeichnen die Sparkassen gute Ergebnisse bei der Vermittlung von Versicherungen und Bausparprodukten. Der gestiegene Verwaltungsaufwand – im Wesentlichen ausgelöst durch Tarifsteigerungen im Personalkostenbereich – kann dadurch aber leider nicht kompensiert werden. Erfreulich ist nach wie vor das Bewertungsergebnis. Im Wertpapiergeschäft verzeichnen wir keine, im Kreditgeschäft nur eine geringe Vorsorge.

Was erwarten wir also für das Jahr 2015? Die Ergebnisse werden sich leicht abschwächen, getrieben von einer anhaltend schrumpfenden Zinsspanne.

Meine Damen und Herren,

damit bin ich auch schon beim dritten Teil angelangt. Das Jahr 2014 war noch ganz ordentlich, das Jahr 2015 wird schwieriger. Unsere Sparkassen brauchen jetzt ein ganz feines Gefühl für Gaspedal und Bremse. Wir sind der Überzeugung, dass unser Geschäftsmodell tragfähig und solide ist. Dennoch haben wir mehr denn je Kosten zu senken, ohne jedoch mit dem Rasenmäher vorzugehen. Gleichzeitig müssen wir aber auch klug und strategisch in Zukunftsmärkte investieren.

Das Kostenmanagement ist die Grundlage, notwendige finanzielle Spielräume zu schaffen. Unsere Politik der letzten Jahre führen wir fort, in dem wir Prozesse noch weiter standardisieren und die Produktpalette straffen. Unser Vorteil ist die Größe und Kraft der Sparkassen-Finanzgruppe, die wir an dieser Stelle zielorientiert einsetzen.

Wir wollen die Kompetenz in unseren Geschäftsstellen aufwerten, mehr qualifiziertes Beratungsgeschäft initiieren und unsere Vertriebswege intelligent miteinander verknüpfen. Dabei entscheidet der Kunde, wann, wo und auf welchen Wegen er uns erreichen möchte oder wir mit ihm in Kontakt treten sollen. Der Schlüssel zum Kunden ist sein persönlicher Ansprechpartner, ob in der Filiale, per Telefon, über App oder Web.

Wir sind uns sicher, dass trotz zunehmender Digitalisierung die Beratungserfordernisse unserer Kunden nicht abnehmen werden. Denn eines ist klar: Der Mensch bleibt, auch wenn die Welt digitaler wird. Denn selbst in der digitalen Welt suchen die Sparkassenkunden noch Kontakt zu ihrem Berater. Spätestens, wenn es um erklärungsbedürftige Produkte wie z. B. einen Kredit geht.

Die Vorteile der Sparkassen liegen dabei auf der Hand. Die Sparkassen konzentrieren sich auf die persönliche Beziehung sowie auf die Beratung der Kunden. Wir erkennen auch: Das beratungsintensive Gespräch wird weiterhin in der Filiale erfolgen – einfache Produkte zunehmend über das Netz abgeschlossen. Also müssen die Sparkassen eine erfolgreiche Balance finden zwischen lokaler Präsenz und Online. Vor diesem Hintergrund müssen wir in Kundenbedürfnisse investieren, denn diese entscheiden über die Angebotsformen.

Meine Damen und Herren,

Kostenersparnisse und eine aktive Marktbearbeitung gehen bei Sparkassen also Hand in Hand. Dazu haben wir unsere Geschäftsstellen neu zu bewerten und mit Blick auf gezieltere sowie umfassendere Beratung elastisch anzupassen. Es helfen uns dabei angesparte Kapitalpolster, die die Sparkassen gut dotiert haben, um für schwierige Zeiten gewappnet zu sein. Das brauchen wir auch in Zukunft, um unseren Auftrag erfüllen zu können. Darüber sind wir uns mit den kommunalen Trägern der Sparkassen und den Aufsichtsbehörden des Landes einig. Denn keiner will, dass gesunde kreditwirtschaftliche Strukturen noch weiter unter Druck geraten. Das Jahr 2015 ist insofern richtungsweisend für die zukünftige Ausrichtung der Sparkassen.

Ich freue mich auf Ihre Fragen.

 

 

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Michael Schier
Pressesprecher
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30159 Hannover

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